JOHANNES VERLAG EINSIEDELN


 

AKTUELL

 

 

 

«Der neun Monate lange Advent Marias war nicht ohne Schmerzen. Denn auch wenn sie vor der Erbsünde bewahrt wurde, um das für die Menschwerdung des Wortes Gottes notwendige vollkommene Ja sprechen zu können, so heißt das nicht, daß ihr deswegen die Schmerzen, die der gebärenden Frau seit Anbeginn auferlegt sind, erspart wurden: ‹Überaus zahlreich werde ich die Beschwerden deiner Schwangerschaft machen. Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären› (Gen 3,16). Was Maria zu leiden bekommt, ist Sühne für Eva und ihre Nachkommen. Sie ist mit der Stammutter solidarisch, gerade weil sie sündenfrei ist; sie ist näherhin mit ihrem Volk Israel solidarisch, das als ganzes dauernd in den Messiaswehen liegt. Sie gehört zur Vollendung des Bundes mit dem Volk, das die Menschheit vertritt; und gerade weil sie immer schon zum verheißenen ‹Neuen Bund› (Jer 31,31) gehört, ist sie aufs innigste mit dem ursprünglichen Bund Gottes, den Paulus ein einziges Mal das ‹Alte Testament› nennt, verbunden (2 Kor 3,14).
Man braucht nicht als erstes auf die Peinlichkeit ihrer zutage tretenden Schwangerschaft hinzuweisen; dies war für die ‹niedrige Magd des Herrn› wohl die geringste Sorge. Aber würde sie, schwaches Mädchen, der ungeheuren Verheißung gewachsen sein, den Sohn des Allerhöchsten – wie der Engel ihn genannt hat – zur Welt bringen zu können? Das war je irgendwie auch die Sorge der Treuesten in Israel: wie sollte aus diesem immer wieder sündigen, zerteilten Volk etwas so Reines und Unteilbares wie der Messias der Endzeit hervorgehen können? Auch wenn die Phantasie ihn sich als vorweg verborgen im Himmel existierend vorstellen mochte, Israel würde doch an seiner Ankunft auf Erden beteiligt sein.» [31f]

Hans Urs von Balthasar
Maria für heute