JOHANNES VERLAG EINSIEDELN


 

AKTUELL

 

 

Hans Urs von Balthasar
Das Herz der Welt


«Als ich ein Jüngling war, dacht ich, man könne mit dir ins Reine kommen. Ich sah eine steile Straße vor mir, und spürte Mut, schnallte meinen Sack und begann zu steigen. Ich versuchte, mich leicht zu machen, indem ich, nach deinem Worte, alles im Geiste verließ. Eine Zeitlang schien es mir auch, daß es aufwärts ginge. Aber wenn ich heute, nach Jahren, die Augen erhebe, so strahlen deine Achttausender höher, unabsehbarer als je über mir. Von einem Weg ist längst keine Rede mehr.
Ich hatte mich wohl ausgerüstet mit Landkarten und Vermessungsapparaten. Ich wußte die zwölf Staffeln der Demut auswendig und die sieben um die Seelenburg gezogenen Wälle und Gräben. Auf manchen Gipfeln sah ich Fähnchen und Signale aufgepflanzt und rote und blaue Markierungen bewiesen mir im Geröll, daß hier schon mancher gegangen war. Die ‹Anweisungen zum seligen Leben› wimmelten an gewissen Lagerplätzen wie Staniol und Sardinenbüchsen. Im Lauf der Zeit verlor ich die Gewohnheit, auf diese traulichen Reste zu achten, es fiel mir nur auf, daß sie spärlicher wurden, sie schienen mir alt und verrostet und nahe daran, selbst ein Stück Wildnis zu werden, verloren im Urwalddickicht und Lianengewirr.»
[S. 163f]